Is it just み?

Realismus ist Mittel zum Zweck (oder: Nachtrag)

by on Nov.05, 2009, under Filme

Nachdem ich letztens District 9 als realistisch bezeichnet habe wurde ich darauf hingewiesen, dass an diesem Film ja nun wirklich nichts realistisch sei; das Schwebende Raumschiff, die Waffen, das über 20 Jahre unauffindbare Kommandomodul, die Unterordnung der Aliens, die wirtschaftliche Struktur und so weiter und so fort…

Ich muss mich also korrigieren: District 9 ist nicht realistisch. Der Film nutzt Realismus als Mittel zum Zweck, nämlich dem ein zynisches Bild von der Menschheit zu vermitteln, was den äußerst wichtigen, satirischen Teil des Werkes ausmacht. Wenn ich also in diesem Fall von Realismus rede, so meine ich nicht eine durchweg logische, vollkommen durchgeplante und anders undenkbare Geschichte, sondern die Grundidee der Geschichte – nämlich die Antwort auf die Frage wie wir mit Fremden die unsere Hilfe benötigen umgehen: Wir überlassen sie sich selbst und kümmern uns um uns selbst.1

Allgemein verstehe ich nicht wieso so viele Leute glauben, dass Realismus ein absolutes Kriterium für irgend etwas im Bereich der Unterhaltung sei. Filme müssen nicht realistisch sein sondern unterhaltsam (mal abgesehen von Reportagen – aber da zeigt ja Michael Moore, dass sich unterhaltsame Dinge besser verkaufen als neutrale).

Wenn ein Film dadurch dass er vollkommen unrealistisch ist dem Zuschauer den Spaß an der Geschichte verdirbt, dann ist das ein Grund mehr Realismus zu fordern, aber würde wirklich jemand auf die Idee kommen Science-Fiction-Geschichten wie Star Trek als grundsätzlich schlecht abzustempeln weil die verwendete Technologie den Grundregeln der Physik widerspricht?

Wenn die Borg (oder der Master, oder wer auch immer) in die Vergangenheit reisen um dort etwas zu verändern und jemand (ob der nun Captain oder Doctor heißt ist gleichgültig) reist hinterher um das Übel dort zu besiegen, dann kann daraus eine gut erzählte Geschichte werden – unabhängig davon ob der Aufhänger nun zu 100% realistisch ist oder nicht. Der wirklich realistische Verlauf der Geschichte würde wohl in den meisten Fällen die Geschichte vollständig verhindern oder unendlich langweilig machen.

Als Beispiel einmal die oben bereits angeschnittene Star Trek Geschichte: First Contact

Die Borg greifen die Sternenflotte in der Nähe der Erde an, die Enterprise kommt zur Hilfe und zerstört Dank Picards Wissen über die Borg (wir können unsere Schilde modulieren, aber unsere Schiffe sind immer exakt gleich gebaut) den angreifenden Cube. Bevor das Ding allerdings laut (ist ja im Weltraum) explodiert wird allerdings noch ein kleines, rundes Raumschiff aus dem Cube heraus geschossen, dass sich Richtung Erde bewegt. Die Enterprise folgt dem kleinen Schiff und muss dann entsetzt feststellen, dass dieses in der Zeit rückwärts reist (das ist nämlich möglich, aber total verboten) und sieht aus Ihrer Zeitblase heraus, dass die Borg die Erde durch diese Zeitreise an sich gerissen haben. Deshalb folgt die Enterprise dem Schiff zum Zeitpunkt des ersten Kontakts (der Menschen mit Aliens, daher der Titel) und muss dort ein wenig aushelfen, weil das Borg-Schiff erst einmal munter auf den Startplatz des ersten Warp-Schiffs (oder war es Sol?) gefeuert hat und deshalb der ursprüngliche Zeitverlauf gestört wurde.

Mal abgesehen davon, dass man sich darüber streiten kann ob es sich wirklich um einen guten Film handelt, kann man wohl kaum bestreiten, dass die Rahmengeschichte mehr als nur unrealistisch ist. Innerhalb dieser Rahmengeschichte wird dann jedoch etwas ganz anderes Erzählt, nämlich zwei parallele Geschichten: Der Wiederaufbau des Warp-Shiffs und der kampf gegen die Borg auf der Enterprise – quasi die klassischen Gegensatz-Geschichten Aufbau und Zertörung, hand-in-hand vs. hand-to-hand. Ohne die Rahmengeschichte wäre es nur schwer möglich gewesen die Geschichte des ersten menschlichen Flugs mit Überlichtgeschwindigkeit zu erzählen, welche im Star Trek Universum wohl zu einer der bekanntesten überhaupt gehört. Und falls doch hätte man diesen ruhigen und kaum actiongeladenen Teil wohl einzeln erzählen müssen und eine Verbindung mit feindlichen Außerirdischen wäre vollkommen undenkbar.

Was ich mit meinem ganzen Geschwafel sagen will: Realismus wird überbewertet.

1 Selbst diese sehr zynische Weltsicht ist keine allgemeine Kritik am menschlichen Individuum, denn hier wird nicht kritisiert wie der einzelne mit einem ihm persönlich bekannten Fremden (seltsame Formulierung) umgeht, sondern wie mit einer anonymen Masse von Fremden umgegangen wird, wenn man keinen persönlichen Kontakt hat.

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